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Bergwandern und Meditation

Was ist, wenn ich es nicht schaffe? Wenn alle anderen fitter sind als ich? Die Fersen Blasen kriegen, der Rucksack drückt, die Muskeln nicht mehr wollen und überhaupt: welche Strecken erwarten mich?

 

Mutig habe ich mich im Frühjahr für die Buchung einer Reise entschieden: Alpines Bergwandern und Meditation in der Schweiz, im Bergell/ Engadin. Stichwort: Komfortzone verlassen...

Die Bilder des Reiseveranstalters sahen phantastisch aus, der Text las sich gut -Genusswandern!-, und ich wollte erstmals in meinem Leben die Herausforderung des "ich gehe komplett alleine auf Tour, und dann aber auch noch in eine mir unbekannte Gruppe hinein" kennenlernen.

Wollte Bewegung. Und Ruhe.

 

Ökologisch wertvoll entschied ich mich für die Anreise per Bahn und Bus ab Köln - und siehe da, es klappte! Die Deutsche wie die Rhätische Bahn schunkelten mich gemütlich durch Stadt, Berg und Tal, vorbei an Seen, hinein ins geschichtsträchtige St. Moritz.

Von dort ein direkter Anschluss ins Maloja-Tal - perfekt: angekommen in Salecina, dem selbstverwalteten Mitmach-Ferienhaus schlechthin, vor 30 Jahren gegründet von einem Zürcher Buchhändler und seiner Frau (ich fühlte mich sofort wohl).

Dennoch wähnte ich mich anfänglich in meine Jugend-Sportjahre versetzt, schlafen zu viert, zehnt oder mehr Leuten in Stockbetten auf einem Zimmer, alle putzen, kochen (vegetarisch) und spülen für alle.
Ich bin zuerst überrascht, wie gut das funktioniert - aber Gemeinschaft fordert und fördert Gemeinschaft, in der Arbeit wie in der Freizeit!

Gespräche mit Menschen aus Berlin, Bremen, Genua und Basel kommen zwangsläufig in Gang, kanadische Wanderer erzählen vom kleinen Europa und warum sie die Wanderungen hier so lieben.

Sehr spannend. Sehr anders.

 

Unsere Wandergruppe von 16 Leuten lernt sich am Abend kennen, das Ferienhaus selbst beherbergt zu diesem Sommer-Termin rund 60 Wanderbegeisterte. Die beglückende Alleinlage des Hauses am Hang wird konsequent gefördert und geschützt und kein Auto darf das Idyll stören.

 

In einer knappen Vorstellungsrunde mit unserem Freiburger Bergführer mit Nepalerfahrung nennen wir Namen und Herkunftsort, kurzer Check für die erste Tour am nächsten Tag, zum Forno-Gletscher(!) soll es gehen. Oh ha, denke ich... na gut, ich hab' ja schon mal Sport gemacht..

Dann alle zeitig ab ins Bett, jeder versucht sein Glück mit dem Schlaf. Ich bin nervös.

 

Früh um 7 Uhr Frühstücksdienst, 8 Uhr geht's los - eine kleine Einstimmungs-Runde gibt es jeden Morgen, einer zieht eine Karte und verliest den Gedanken des Tages, zum Beginn unserer gemeinsamen Woche heisst dieser "Alles ist mir geschenkt".

Ich finde es spontan schön, ab morgens um 8 Uhr noch müde mit mir im Prinzip wildfremden Menschen drei, vier Stunden schweigend  auf- und abzusteigen, durch Wald und Tal, am Lago di Cavloccio vorbei in Richtung Gletscher zu stapfen. Dort angekommen gibt es Brotzeit und dicke Jacken, denn aus warmem Sommerwetter ist Winter geworden, nachdenklich sitzen wir auf uraltem Gletschergestein, der Rückzug des Gletschers über die Jahrzehnte macht uns alle betroffen.

 

Schon hier zeigt sich, dass die Gruppe unterschiedlich geht, die einen sportlicher, die anderen geruhsamer, alle kommen ans jeweilige Ziel und jeder hat die Möglichkeit, die Tour auch zu kürzen. Ich halte insgesamt gut mit und bin glücklich, am Abend die erste Tagestour geschafft zu haben.

Am zweiten Tag steigen wir konsequent in der Sonne von 1800m auf 2490m zum Lägh dal Lunghin, einem weiteren Bergsee.

Ich freue mich, dass ich rasch meinen Rhythmus finde, das Gepäck auf dem Rücken stört nicht, meine Kraft verwende ich für den nächsten Schritt, denn immer ist der nächste Schritt das Ziel. Ich atme, ich gehe. Ich schaue selten nach oben.

Glücklich bin ich nach rund vier Stunden am See angekommen, auch die schweigsame Pause auf halber Strecke zwischen Hochlandrindern und plätscherndem Gletscherbach ist phänomenal.

Die Rückwege ergeben Gespräche, die Natur, die Bewegung, der besondere Moment löst Gedanken und Zungen - ich führe schöne Gespräche, ich höre wirkliche Lebensgeschichten.

 

Die klare Bergluft, die sanften Geräusche, die Veränderung der Vegetation bis zum Gestein, die konsequente Bewegung - alles reduziert sich auf das Wesentliche.

Ich bin. Ich gehe. Ich atme. Ich habe Hunger, mir ist kalt, ich schwitze.

Die Tage drei und vier vertiefen das Gefühl, gerade ein Geschenk zu leben.

 

Fünfter Tag: Abfahrt von Salecina nach Pontresina, Hüttenwanderung für 2,5 Tage steht an.

"Ich sehe was ich denke" & "Ich kann" - weitere Tagessätze, die uns allen auf die nächsten Wege mitgegeben werden.

Und ja.., am Abend kommen wir nach rund 20 km und 800 Höhenmetern in der Coaz-Hütte an. Alle sind glücklich, freuen sich, die Salzburgerin Petra spendiert wie immer am Ziel einen Hüttenschnaps!

Der Weg ist das Ziel - ich bin infiziert, liebe es mittlerweile. Was macht es mir: die nicht vorhandene Dusche dort, das eiskalte Wasser, die Schlafkoje mit 15 anderen Menschen teilen? Hauptsache essen, trinken, schlafen, und am nächsten Tag weitergehen können. Raus in diese klare Luft, diese Steine, eine unwirtliche Welt, die so still reizvoll ist. 

 

Überhaupt: Stille.

Ankommen - und die Zeit vergessen. Eine Woche innere Intensivkur.

Wellness für die Seele, die Augen, kein Fünf-Sterne-Hotel, keine Ayurveda-Kur, keine Anleitung zum Glücklichsein.

Bewegung, den Körper spüren.

 

Ich komme verändert heim. Achtsamer. Klarer.  Konsequenter.

Aus einer Gruppe, in der ich in der Kürze der Zeit jeden geschätzt habe auf seine Art. Und in der mich jeder gelassen hat, wie und wo ich bin. In Gemeinschaft, in Stille.

Niemals einsam. In den Bergen passt man aufeinander auf.

 

Die letzte Tageskarte sagt "Heute beginne ich ein neues Leben" - vielleicht ist es wirklich so.

 

 

www.salecina.ch

www.neuewege.com

www.bergwandern-meditation.de

 

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Kommentare: 5
  • #1

    Wolfgang Ludwig (Montag, 16 September 2019 21:12)

    Danke für diesen authentischen Bericht. Ich habe mich in die Wandergruppe versetzt gefühlt. Sehr inspirierend es selbst zu versuchen .. gedacht daran .. ja, oft .. gemacht bisher .. nein. Jetzt gibt es eigentlich keine Ausrede mehr.

  • #2

    Petra Turowski (Dienstag, 17 September 2019 08:36)

    Die Natur und die Menschen erleben, so ursprünglich und einzigartig wie sie sind, das kam in Deinem Bericht sehr gut rüber. Genau wie mein Vorschreiber hab auch ich mich in diese Gruppe hineinversetzt gefühlt. Ich denke, das macht ganz viel mit einem und überlege so eine Wanderung auch mal zu machen.

  • #3

    Undine (Dienstag, 17 September 2019 09:18)

    Das klingt sehr in sich ruhend und sehr schön. Es freut mich zu lesen, dass du eine so gute Zeit hattest und solche neuen Eindrücke sammeln konntest. Davon zehrst du sicher noch lange.

  • #4

    Katja (Dienstag, 17 September 2019 14:23)

    Toll!
    Hier der Film dazu:
    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Die_Wolken_von_Sils_Maria

  • #5

    Käthi (Freitag, 20 September 2019 07:34)

    So toll geschrieben, ich kann es mir sehr gut vorstellen was Du gefühlt hast...die Stille, Schritt für Schritt gehen in der Ruhe der Natur.Deine Ängste ganz bildlich rüber gebracht...Gut es gemacht zu haben, ich habe den vollen Respekt davor.